Wie die Gruppe aufflog

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) kam am 4. November 2011 ans Licht, als Beate Zschäpe seine Existenz offenbarte. Am selben Tag wurden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach tot in einem ausgebrannten Wohnwagen in Thüringen gefunden. Kurz darauf setzte Zschäpe das gemeinsame Versteck der Gruppe in Zwickau in Brand, wo Ermittler eine Kopie eines Videos fanden, in dem der NSU Raubüberfälle, Bombenanschläge und zehn Morde für sich reklamierte. Zwischen 2000 und 2007 tötete das Trio zehn Menschen, neun davon mit Migrationshintergrund, beginnend mit einem Mord in Nürnberg am 9. September 2000. Bis 2011 lebten die Mitglieder weitgehend unentdeckt in Chemnitz und Zwickau, während die Ermittler sich auf die Familien der Opfer statt auf ein rassistisches Motiv konzentrierten.

Schlüsseldaten der NSU-Morde und des Auffliegens
  1. Erster dem NSU zugeschriebener Mord in Nürnberg
  2. Neuntes Opfer in Kassel getötet
  3. Polizistin in Heilbronn getötet, das zehnte Opfer
  4. Beate Zschäpe offenbart die Gruppe, zwei Männer tot in einem Wohnwagen gefunden
  5. Dresdner Gericht verurteilt Susann Eminger zu zwei Jahren auf Bewährung

Ein Mord, der ungeklärt bleibt

Das Motiv für den Mord an einer Polizistin in Heilbronn im Jahr 2007 ist bis heute unklar. Weder der erste NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München von 2013 bis 2018 noch die Untersuchungsausschüsse des Parlaments gaben eine abschließende Antwort. Die Familien der Opfer zweifeln zunehmend daran, dass neue Erkenntnisse ans Licht kommen. Der Publizist Tanjev Schultz, der die Untersuchungen und Prozesse begleitete, sagte, das Auffliegen sei ein Wendepunkt für das Land gewesen:

Es war ein echter Wendepunkt für dieses Land, dass Neonazis so lange durch das Land ziehen und morden konnten.

— Tanjev Schultz

Gamze Kubaşık, deren Vater in seinem Kiosk in Dortmund erschossen wurde, erfuhr erst fünf Jahre später von den Hintergründen, als eine Freundin sie am 4. November 2011 anrief und ihr sagte, sie solle den Fernseher einschalten. Den Moment des Erkennens beschrieb sie als Befreiung:

Ich hatte einfach das Gefühl, jahrelang eine Last mit mir herumgetragen zu haben, und an diesem Tag konnte ich endlich aufrecht stehen.

— Gamze Kubaşık

Eminger-Urteil und Wut über das Strafmaß

Susann Eminger wurde im Juli 2026 vom Oberlandesgericht Dresden wegen Unterstützung der Gruppe zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Sie ließ Zschäpe bei Arztbesuchen und im Umgang mit der Polizei ihre Krankenversichertenkarte und ihren Personalausweis benutzen. Das Gericht konnte ihr nicht nachweisen, dass sie von den Morden wusste. Die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden des Bombenanschlags auf der Keupstraße in Köln im Jahr 2004 verhehlen ihre Empörung über das Urteil nicht. Michalina Boulgarides, deren Vater in München erschossen wurde, sagte:

Zehn Menschen wurden kaltblütig hingerichtet, und unzählige weitere wurden bei Bombenanschlägen verletzt.

— Michalina Boulgarides

Forderung nach Entschädigung

Am 4. November forderte die Ombudsfrau der Bundesregierung, Barbara John, finanzielle Entschädigung für die Opfer und ihre Angehörigen. Sie sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, die Familien seien jahrelang zu Unrecht verdächtigt worden, und die Ermittler hätten versagt. Ihrer Ansicht nach ist keine andere von Terror betroffene Gruppe vom Staat so behandelt worden wie die Angehörigen der NSU-Opfer. Sie nannte etwa 45 überlebende Angehörige und etwa 40 bei Sprengstoffanschlägen verletzte Menschen und nannte keine Summe. Sie schlägt vor, dass der Bund oder die Länder Sachsen und Bayern zahlen, während allein Thüringen bislang 1,5 Millionen Euro bereitgestellt hat.

Menschen, die nach Angaben von Barbara John Entschädigung fordern (Personen)
Überlebende Angehörige der Mordopfer45Bei Sprengstoffanschlägen verletzte Menschen40

Gedenken in Zwickau

Zwickau gedenkt des Jahrestags mit mehreren Formaten, darunter ein Gottesdienst im Dom St. Marien. Die in der Schweiz lebende Künstlerin Lysann König schuf während eines Stipendiums im Dokumentationszentrum Offener Prozess zum NSU-Komplex eine Videoinstallation mit dem Titel „Nicht die Differenz lähmt uns, sondern das Schweigen“. Im Interview mit MDR KULTUR sprach sie über Schuld und Wut angesichts des Versagens der Behörden. Sie forderte, mehr Akten zu öffnen, denn gesperrte Unterlagen machten es schwer, staatlichen Institutionen zu vertrauen.