Eine Abstimmung am Donnerstag in Versailles

Das Internationale Büro für Maß und Gewicht, das SI-Einheiten wie die Sekunde, das Meter und das Kilogramm bewahrt, stimmt am Donnerstag, dem 15. Oktober, darüber ab, ob die Schaltsekunde abgeschafft wird. Die Abstimmung ist Teil der 28. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) in Versailles, südwestlich von Paris. Rund siebzig Länder besitzen Stimmrecht, und De Standaard erwartet eine große Mehrheit für die Änderung. Le Monde verortet die Abstimmung am Nachmittag, eldiario.es nennt Mittag als Zeitpunkt.

Warum es die Schaltsekunde gibt

Jahrhundertelang war die Zeitmessung an die Rotation der Erde gekoppelt, doch diese Rotation ist nicht konstant. Die Anziehungskraft von Mond und Sonne, Vorgänge im Inneren des Planeten sowie Verschiebungen von Wasser und Eis verändern ihre Geschwindigkeit, während Atomuhren sehr gleichmäßig die Zeit messen. Damit die beiden nicht auseinanderdriften, darf die Koordinierte Weltzeit (UTC) von der astronomischen Zeit um höchstens 0,9 Sekunden abweichen. Wird diese Grenze erreicht, wird eine zusätzliche Sekunde eingefügt. Das ist seit 1972 27 Mal geschehen, zuletzt Ende 2016.

Warum die Regel kippen könnte

Die Erde hat sich in den vergangenen Jahren schneller gedreht, was erstmals eine negative Schaltsekunde erforderlich machen könnte – eine Sekunde würde also gestrichen statt hinzugefügt. METAS, das Schweizerische Bundesinstitut für Metrologie, das an der Arbeit beteiligt ist, bezeichnet das Szenario als völlig neue Situation. Die meisten Systeme seien nur für eine hinzugefügte Sekunde ausgelegt und getestet worden, so das Institut, weshalb ihre Reaktionen auf eine gestrichene Sekunde potenziell unvorhersehbar seien. Telekommunikation, Computernetze, die Infrastruktur der Finanzmärkte und Industrieanlagen, die auf präzise Zeitsynchronisation angewiesen sind, könnten betroffen sein.

Meilensteine der Schaltsekunde, 1972 bis 2035
  1. Einführung der Schaltsekunde, um UTC mit der Erdrotation in Einklang zu halten
  2. Letzte Schaltsekunde Ende 2016 hinzugefügt
  3. CGPM-Abstimmung über die Abschaffung der Schaltsekunde in Versailles
  4. Enddatum, das ein früherer CGPM-Beschluss festlegte

Positionen und die Frist 2035

Eine frühere CGPM-Tagung hatte bereits beschlossen, die Schaltsekunde 2035 zu beenden, doch dieser Vorschlag würde die Änderung vorziehen, um die erste negative Anpassung zu vermeiden. Russland ist laut De Standaard das einzige Mitglied, das die Schaltsekunde beibehalten will, weil sein Navigationssystem GLONASS darauf eingestellt ist. Belgien dürfte die Änderung ebenfalls unterstützen. Pascale Defraigne, die die Zeitabteilung des Königlichen Observatoriums von Belgien vertritt, sagte:

Die Schaltsekunde führt nur zu Problemen, vor allem in Systemen, die auf präzise Zeitmessung angewiesen sind.

— Pascale Defraigne

Auch Organisationen gehen mit der zusätzlichen Sekunde unterschiedlich um. Google etwa verteilt sie allmählich über den Tag, und GLONASS bezieht UTC in seinen Betrieb ein.

Wie es weitergeht

Swissinfo beschreibt die Sitzung am Donnerstag in Versailles als endgültige Bestätigung der Änderung. Die BBC berichtet, Expertinnen und Experten entschieden, ob Schaltsekunden ganz abgeschafft und durch eine „Schaltstunde“ ersetzt werden, und die Entscheidung stehe diese Woche an. Wird die Resolution angenommen, würde die Änderung auf der Konferenz selbst besiegelt – und damit ein Korrektursystem enden, das seit 1972 in Betrieb ist.