Zusammenstöße im Zentrum von Tirana
Am Samstag, 24. Oktober, stießen Bereitschaftspolizei und Demonstranten im Zentrum von Tirana zusammen – die heftigsten Auseinandersetzungen seit mehreren Tagen. Laut ANSA versammelten sich mehrere hundert Demonstranten auf dem Skanderbeg-Platz, wo Feuerwerkskörper und Molotowcocktails auf die Beamten geworfen wurden, die mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen antworteten. Das Umweltministerium wurde in Brand gesetzt, ein Versuch, das Rathaus zu stürmen, scheiterte. Anschließend zogen die Menschenmengen in die Seitenstraßen und zündeten Mülltonnen an, die zur Blockade von Polizeifahrzeugen auf den Straßen aufgestellt worden waren. Reuters berichtete unter Berufung auf Polsat News, die Demonstranten hätten auch den Eingang des Landwirtschaftsministeriums in Brand gesteckt. Das albanische Portal Shekulli gab an, die Zusammenstöße hätten um 14.30 Uhr begonnen, und AFP meldete, die Polizei habe mehr als vier Stunden gebraucht, um die Gruppen von Demonstranten auseinanderzutreiben.
Zwei Protestzüge und ihre Forderungen
Studenten und die von Sali Berisha geführte Mitte-rechts-Opposition hielten am selben Tag getrennte Proteste ab, und die Demonstranten fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama. Laut ProTV dauert die Bewegung seit mehr als 130 Tagen an und gewann Mitte Oktober neuen Schwung, als sich Schüler und Studenten anschlossen. Al Jazeera berichtet, die Proteste hätten im Mai begonnen, nachdem ein Luxushotelprojekt bekannt geworden sei, das mit der Familie des US-Präsidenten Donald Trump in Verbindung gebracht wird. ProTV zufolge wurde das Projekt mit Jared Kushner, dem Schwiegersohn des Präsidenten, in Verbindung gebracht und war in einem geschützten Naturgebiet geplant. Die Demonstranten fordern die Aufgabe des Projekts und eine Überarbeitung der Gesetze zu Schutzgebieten und strategischen Investitionen; zugleich richten sie sich gegen Korruption, die Zustände an den Schulen und die fehlenden Perspektiven junger Menschen. Sie machen die gesamte politische Klasse für die Krise verantwortlich, und einige tragen Schilder gegen Berisha.
Rosela Mira, Medizinstudentin im ersten Studienjahr, sagte gegenüber AFP:
Wir sind aus einem Grund hier: Wir wollen in unserem Land bleiben und nicht davon träumen müssen, woanders zu leben. Ich will hier eine Zukunft haben.
- Ein Luxushotelprojekt mit Verbindung zu Trumps Familie wird bekannt, es folgen sporadische Proteste
- Die Protestwelle wächst, Schüler und Studenten schließen sich wegen der Zustände an Schulen und der Lebenshaltungskosten an
- Laut Shekulli beginnen die Zusammenstöße in Tirana
- Tränengaswolke über dem Skanderbeg-Platz und brennende Mülltonnen in der Innenstadt, wie AFP-Reporter beobachteten
Verletzte und Festnahmen
Die Behörden erklärten am Samstag, seit Mitte Oktober seien mehr als 300 Demonstranten und Polizisten verletzt worden, zudem seien Dutzende Demonstranten festgenommen worden. Das Gesundheitsministerium meldete separat leichte Verletzungen bei zwei Journalisten, einem Polizeibeamten, vier Demonstranten und einem gewählten Amtsträger. Wie Shekulli berichtete, wurden Wasserwerfer mit hochauflösenden Kameras ausgestattet, um die für die Gewalt Verantwortlichen zu identifizieren. Polsat News berichtete, ein Journalist sei bei den Zusammenstößen mit Tränengas besprüht worden.
Reaktion der Regierung
Ministerpräsident Edi Rama rief zur Ruhe auf und bezeichnete die Gewalt als unerträglich; er argumentierte, die Unruhen seien Teil eines hybriden Krieges, der von außerhalb des Landes geschürt werde. Er machte ausländische Akteure verantwortlich und beschuldigte Russland und Iran, Online-Desinformation voranzutreiben, rief zugleich aber zum Dialog auf. Am Samstag wurden vor dem Regierungssitz rote Sitzkissen als Symbol für Gespräche ausgelegt, die Demonstranten zündeten sie später jedoch an. Die Behörden verstärkten die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Hauptstadt und kontrollierten Fahrzeuge bei der Einfahrt in die Stadt. Die oppositionelle Demokratische Partei versucht, die Studenten auf ihre Seite zu ziehen, doch Studenten und Gegner des Projekts lehnen jede politische Vereinnahmung der Bewegung ab.