Prozess in Hamburg eröffnet

Der Prozess gegen Serhii Kuznetsov, einen 50-jährigen ehemaligen ukrainischen Offizier, hat am Mittwoch, dem 14. Oktober 2026, vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg begonnen. Er ist der erste Mensch, der sich wegen der Bombenanschläge von 2022, bei denen die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee beschädigt wurden, vor Gericht verantworten muss. Kuznetsov betrat den Gerichtssaal in Begleitung von Beamten, machte auf Nachfrage des Richters seine Personalien geltend und machte anschließend von seinem Schweigerecht Gebrauch, ohne sein Gesicht zu verbergen. Vor Beginn der Verhandlung protestierten ukrainefreundliche Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude und hielten Schilder mit der Aufschrift „Russland ist ein Terrorist“ hoch. Der „Stern“ berichtete, Kuznetsov werde die Aussage verweigern, weil ehemaligen Angehörigen der ukrainischen Spezialkräfte öffentliche Äußerungen über ihre militärische Arbeit untersagt seien.

Was die Anklage vorwirft

Die Bundesanwaltschaft wirft Kuznetsov ein Kriegsverbrechen vor, konkret einen Angriff auf zivile Objekte mit verbotenen Methoden der Kriegsführung, und beschuldigt ihn zudem, eine Explosion herbeigeführt, Bauwerke zerstört und den öffentlichen Betrieb beeinträchtigt zu haben. Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt verlas die Anklageschrift und erklärte, der Beschuldigte und seine Mittäter hätten gewusst, dass die Pipelines kein legitimes Kriegsziel darstellten. Laut Anklage gingen Kuznetsov und sechs Mittäter, darunter ein Schiffskapitän, ein Sprengstoffexperte und vier Taucher, an Bord der Segelyacht Andromeda, die ein Mittelsmann für mehrere Wochen gechartert hatte. Die Berichte darüber, wo die Gruppe an Bord ging, gehen auseinander: Ein Bericht nennt den Ostseehafen Rostock, ein anderer den Hafen Wiek auf Rügen. Die Taucher sollen vier mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den Pipelines nahe der dänischen Insel Bornholm angebracht haben, unter Verwendung militärischen Hochleistungssprengstoffs, der in großer Tiefe gezündet werden kann. Die Explosionen ereigneten sich Ende September 2022, wobei Berichte den 26. und 27. September als Datum nennen.

Kuznetsov wurde am 21. August 2025 in Italien festgenommen, wo er mit seiner Familie Urlaub machte, und später nach Deutschland ausgeliefert. Die Anklage wirft ihm vor, im Auftrag nicht identifizierter ukrainischer staatlicher Stellen gehandelt zu haben. Kiew bestreitet jede offizielle Beteiligung an Operationen gegen die Pipelines.

Schlüsseldaten im Nord-Stream-Fall
  1. Nord-Stream-Pipelines durch Explosionen in der Ostsee nahe Bornholm beschädigt, gemeldet für den 26. oder 27. September 2022
  2. Kuznetsov in Italien festgenommen, wo er mit seiner Familie Urlaub machte
  3. Prozessbeginn vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg
  4. Verhandlungstermine bis Februar 2027 angesetzt

Die Argumentation der Verteidigung

Verteidiger Nicola Canestrini argumentierte zu Prozessbeginn, die Pipeline, über die vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 die Hälfte der deutschen Gasimporte lief, sei eine „russische Waffe“ und damit ein potenziell legitimes Ziel gewesen. Sein Team beantragte, das Verfahren einzustellen, und verwies auf Verfahrensmängel, die nach ihrer Darstellung eine ordnungsgemäße Verteidigung unmöglich machten. Canestrini richtete die Frage direkt an das Gericht.

Ist es rechtswidrig, die Infrastruktur eines Aggressors zu zerstören, ohne Menschen zu schaden?

— Nicola Canestrini

In seinem Eröffnungsplädoyer erklärte der Mitverteidiger Jes Meyer-Lohkamp, der Vorwurf einer führenden Rolle sei unbewiesen und stütze sich im Wesentlichen darauf, dass Kuznetsov weder Taucher noch Sprengstoffexperte noch erfahrener Seemann sei. Er fügte hinzu, es gebe keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren und keine Zeugenaussagen, die Kuznetsov an Bord der Andromeda verorteten. Canestrini erklärte zudem, Kuznetsovs Pflicht als Offizier, militärische Geheimnisse zu wahren, hindere ihn daran, zu einigen Aspekten des Falls auszusagen.

Er muss sich mit gebundenen Händen verteidigen

— Nicola Canestrini

Hintergrund und nächste Schritte

Der Bayerische Rundfunk berichtet, Russland habe den Gasfluss durch Nord Stream 1 etwa drei Wochen vor den Explosionen unter Verweis auf technische Probleme gedrosselt, während Nord Stream 2 nie in Betrieb ging. Russland erklärte am Montag, dem 12. Oktober, es erwarte ein „gerechtes Urteil“, das die Täter und die Auftraggeber der Operation benenne. Das Gericht hat noch nicht mitgeteilt, wann es über den Antrag der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens entscheiden will. Nach Angaben von N-tv sind die Verhandlungstermine bereits bis Februar 2027 angesetzt.