Drei Schritte von der Grenze bis zu den Nachschublinien des Gegners

Der Oberbefehlshaber der NATO in Europa, der US-General Alexus Grynkewich, hat am Montag, dem 12. Oktober, auf dem Warschauer Sicherheitsforum die „Theorie des Sieges“ der NATO vorgestellt. Er beschrieb sie als einen Plan für die Reaktion, falls Russland ein NATO-Mitglied angreift – ein Konzept, an dem das Bündnis mehrere Jahre gearbeitet hatte, bevor es sich nach jüngsten Entwicklungen entschied, es öffentlich zu machen. Der Plan umfasst drei Schritte, die Grynkewich auf Englisch mit „block, blunt and break“ zusammenfasste. Im ersten Schritt würden die alliierten Streitkräfte einen Angriff unmittelbar an der Grenze blockieren, damit der Gegner kein Territorium erobern kann, wobei Bodentruppen den Vormarsch dominieren und seine Verbände binden sollen. Im zweiten Schritt würden Luft-, See- und Landstreitkräfte die vorrückenden Truppen angreifen, um dem Angriff den Schwung zu nehmen, während Luft- und Seestreitkräfte im Zusammenspiel mit Weltraum- und Cyberfähigkeiten schnell die Überlegenheit erringen sollen. Im dritten Schritt würde der Gegner, falls der Angriff andauert, gebrochen, indem Nachschubwege, Kommunikationsverbindungen, Führungsnetze und die rückwärtigen Gebiete angegriffen werden, die seine Operationen tragen.

Lehren aus der Ukraine und die Grenzen, die Grynkewich zog

Grynkewich sagte, der Plan stütze sich unmittelbar auf Lehren aus dem Krieg in der Ukraine und im Nahen Osten und verbinde Präzisionswaffen mit einer großen Zahl autonomer Systeme wie Drohnen. Er betonte, die NATO habe kein Interesse daran, das Territorium eines Gegners zu erobern, und wolle ihr Ziel auf die taktische und operative Neutralisierung des Gegners begrenzen, um jeden Vorwand für eine Eskalation zu beseitigen. Er sagte zudem, das Bündnis betrachte eine militärische Konfrontation mit Russland weder als unmittelbar bevorstehend noch als unvermeidlich. Der Tagesspiegel berichtet, weder Grynkewich noch europäische Geheimdienste gingen von einem unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff aus, wenngleich Warnungen auf die Möglichkeit in den kommenden Jahren hinweisen. Der Plan beruht laut Fakt auf dem Konzept der Abschreckung und Verteidigung des euroatlantischen Raums, das alle 32 NATO-Staaten angenommen haben. General Artur Jakubczyk, den Fakt um eine Einschätzung des Plans bat, sagte:

Genau so sollten Handlungen in einer Auseinandersetzung mit einem Gegner aussehen, den wir als gleichwertige Kraft betrachten.

— Artur Jakubczyk

Zweifel am US-Engagement und ein mögliches China-Szenario

Die Europäer zweifeln zunehmend an der Unterstützung der USA unter Donald Trump, und der Plan wurde mitten in dieser Debatte veröffentlicht. Der Tagesspiegel berichtet, Trump habe wiederholt Zweifel an seiner Unterstützung für die NATO geweckt – ein verheerendes Signal angesichts der Tatsache, dass die Vereinigten Staaten mit Abstand das wichtigste Mitglied sind. Auf die Frage, ob der Plan ein Szenario berücksichtige, in dem US-Streitkräfte während eines europäischen Verteidigungsfalls anderswo gebunden sind, sagte Grynkewich, dies werde sicherlich berücksichtigt, und niemand solle das Engagement der USA für das Bündnis infrage stellen. Militärplaner sehen die Möglichkeit, dass China einen russischen Angriff auf ein NATO-Land in Europa nutzen könnte, um gegen Taiwan vorzugehen, was die USA zwingen würde, Kräfte zurückzuhalten, die dann nicht nach Europa gehen könnten. Grynkewich entgegnete, die Entscheidung, welche Kräfte wo eingesetzt werden, sei letztlich eine politische Entscheidung.

Kritiker und offene Fragen

Philip Wasielewski, ehemaliger CIA-Offizier und Analyst am Foreign Policy Research Institute, sagte der PAP, die Strategie könne unzureichend sein, um Russland abzuschrecken, und einen Angriff sogar begünstigen. Er sagte, die Rede habe die Konsequenzen für Russland selbst nicht klar benannt, und das erklärte Ziel, einen Angriff zu stoppen statt eine strategische Niederlage des Gegners zu erreichen, impliziere, dass ein Krieg überwiegend auf NATO-Territorium geführt würde. Laut Wasielewski wurde die Zusage, die Kräfte und Fähigkeiten anzugreifen, die eine Aggression unterstützen und steuern, nicht deutlich genug betont, und sie verweise auf militärische Ziele statt direkt auf Russlands Rüstungsindustrie, sein Energiepotenzial oder seine politischen Ziele. Er fügte hinzu, er kritisiere Grynkewich nicht persönlich.

Kaliningrad und die hybride Bedrohung

Il Giornale berichtet, der polnische Außenminister Sikorski wolle, dass die Verbündeten im Voraus festlegen, wann russische hybride Operationen als Angriff gelten sollen, der eine kollektive Antwort auslösen kann. Sabotage, Cyberangriffe, Drohnen und Desinformation bilden einen hybriden Krieg, der Institutionen und Gesellschaften destabilisieren kann, ohne zu einem offenen Konflikt zu werden. Kaliningrad, die russische Enklave an der Ostsee, ist der Ort, an dem die Entfernungen kurz und die Reaktionszeiten verkürzt sind, und Moskau hat bereits gewarnt, jede Blockade der Region werde als sehr schwerwiegende Bedrohung betrachtet, was die Aussicht auf Atomwaffen eröffnet. Eine Darstellung des Plans listet Szenarien mit Angriffen auf militärische Einrichtungen und Kommandoposten in Kaliningrad, Belarus und bei St. Petersburg auf. France 24 ordnet den Plan vor dem Hintergrund der russischen Eskalation in der Ukraine nach Trumps überraschender Ankündigung eines Energiewaffenstillstands ein.