Ein Brief von SPD-Parlamentariern

Zwanzig SPD-Mitglieder des Bundestags haben ein gemeinsames Papier unterzeichnet, in dem sie den Berliner Landesverband ihrer Partei auffordern, keine Koalitionsgespräche mit der Linkspartei aufzunehmen. Am 18. Oktober veröffentlichte Berichte, das Dokument habe Table.Briefings, dem Spiegel und der Bild vorgelegen, meldeten als Überschrift „Unser Wertekompass ist niemals verhandelbar“. Als Verfasser des Schreibens gilt Sebastian Fiedler, der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion; der Spiegel nennt Johannes Schätzl, den digitalpolitischen Sprecher, als einen der Initiatoren. Zu den weiteren Unterzeichnern zählen die ehemalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser, der gesundheitspolitische Sprecher Christos Pantazis, Lina Seitzl aus dem Berliner Netzwerk, die beiden Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, Esra Limbacher und Claudia Moll, sowie der Parlamentarische Staatssekretär Johann Saathoff.

Anlass des Widerspruchs

Das Papier verweist auf wiederkehrende Antisemitismus-Konflikte im Berliner Landesverband der Linken und auf Kontakte in das Umfeld des Remmo-Clans, den der Tagesspiegel als kriminellen Clan beschreibt. Zudem nennt es Verbindungen zu Akteuren aus extremistischen Milieus und den Umgang des Landesverbands mit diesen Vorfällen. Diese Entwicklungen begründeten erhebliche Zweifel an der politischen Verlässlichkeit der Berliner Linken, heißt es in dem Schreiben. Die Unterzeichner stellen zudem infrage, ob die Vereinbarung eingehalten wird, die SPD, Grüne und Linke am 8. Oktober zu Beginn ihrer Sondierungsgespräche getroffen haben. Darin wurden gemeinsame Grundsätze festgehalten, auch zum Umgang mit Antisemitismus. Die Autoren argumentieren, schon die Notwendigkeit, solche Grundsätze schriftlich festzuhalten, sei ein Problem, da grundlegende Regeln des Zusammenlebens für demokratische Parteien selbstverständlich sein sollten.

Fiedlers Warnung

Fiedler sagte Table.Briefings, es bestehe zumindest der Anschein, dass Teile der Berliner Linken mit organisierter Kriminalität und terroristischen Organisationen in Verbindung stehen könnten. Zudem beschreibt er ein gravierendes Antisemitismus-Problem, das struktureller Natur zu sein scheine. Das Schreiben ergänzt, schon der begründete Anschein, dass Akteure aus der organisierten Kriminalität oder aus terroristischen Gruppen politischen Zugang erhalten könnten, beschädige das Vertrauen, und fordert eine feste Rückendeckung für Polizei und Sicherheitsbehörden.

Antisemitismus ist kein Randproblem, das sich mit einer gemeinsamen Erklärung erledigen lässt.

— Sebastian Fiedler

Die Berliner Koalitionsarithmetik

Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September wurde Die Linke mit 25,7 Prozent der Stimmen stärkste Kraft. Die bisherige Koalition aus CDU und SPD hat ihre Mehrheit verloren, und SPD, Grüne und Linke versuchen nun, eine rot-grün-rote Regierung zu bilden. Die drei Parteien hatten ihre Sondierungsgespräche bereits vor den Berichten vom 18. Oktober abgeschlossen; die folgende Zeitleiste zeichnet den Ablauf von der Wahl bis zu dem Brief nach.

Der Weg zu den Berliner Koalitionsgesprächen, September bis Oktober 2026
  1. Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, Die Linke wird mit 25,7 Prozent stärkste Kraft
  2. SPD, Grüne und Linke verständigen sich zu Beginn der Sondierungsgespräche auf gemeinsame Grundsätze, auch zum Umgang mit Antisemitismus
  3. Berichte: 20 SPD-Bundestagsabgeordnete haben einen Brief gegen Koalitionsgespräche mit der Berliner Linken unterzeichnet
  4. Die Berliner SPD will entscheiden, ob sie Koalitionsgespräche mit den Grünen und der Linken aufnimmt

Die Entscheidung am Montag

Die Berliner SPD will am Montag, 19. Oktober, entscheiden, ob sie Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und der Linken aufnimmt. Die Unterzeichner räumen ein, dass der Berliner Landesverband dies selbst entscheidet, erklären aber, dass sie sich einer Aufnahme von Koalitionsgesprächen mit der Berliner Linken unter den derzeitigen Bedingungen entschieden widersetzen. Sie begreifen ihre Haltung als Verantwortung für die Glaubwürdigkeit gemeinsamer sozialdemokratischer Grundsätze. Ob der Berliner Landesverband dem Appell folgt, ist bislang nicht berichtet worden.