Ein Sprint, entschieden durch Tausendstel einer Sekunde

Das Elite-Straßenrennen der Männer bei den Europameisterschaften im Radsport endete am Sonntag auf einer 196,3 Kilometer langen Strecke von Ljubljana nach Šenčur. Italiens Giulio Ciccone attackierte 300 Meter vor dem Ziel in die letzte Rechtskurve und riss eine Lücke von rund zehn Metern zu Remco Evenepoel auf. Der Belgier verfolgte Ciccone auf der Zielgeraden und warf sein Rad an der Linie nach vorn. Die Rennkommissäre analysierten das Zeitmesssystem und sprachen Evenepoel die Goldmedaille mit einem Vorsprung von 0,0028 Sekunden – 2,8 Millisekunden – zu, womit Ciccone Silber blieb.

Ciccone verlangt Überprüfung an der Ziellinie

Am Montag veröffentlichte Ciccone eine Erklärung auf Instagram zu dem Ergebnis. Er bezeichnete Evenepoel als den stärksten Fahrer des Tages, erklärte aber, dass wiederholtes Ansehen des Zielfoto-Materials bei ihm ungeklärte Zweifel am Resultat hinterlasse. Der Sieger der Bergwertung der Tour de France 2023 erklärte, dass wiederholte Sichtung der Aufnahmen der Ziellinie ungeklärte Zweifel an dem Ergebnis aufwerfe.

Ich habe das verfügbare Material hunderte Male angesehen, und in den Aufnahmen, in denen die Ziellinie sichtbar ist, sehe ich immer wieder ein Szenario, das ich mit diesem Urteil nicht in Einklang bringen kann.

— Giulio Ciccone

Ciccone stellte klar, dass er nicht versuche, das Zeitmesssystem durch Fernsehaufnahmen zu ersetzen, sondern ausdrücklich darum bitte, die rohe Zielfoto-Aufnahme einzusehen, die exakt an der physischen Linie ausgerichtet sei.

Denn wenn ein Europameistertitel durch 2,8 Tausendstel einer Sekunde entschieden wird, halte ich es für fair, zu verlangen, dass genau dieser Moment mit derselben Präzision gezeigt wird, mit der das Ergebnis ermittelt wurde.

— Giulio Ciccone

Regelwerk und Zeitmesskriterien

Die Rennkommissäre trafen sich am Montagmorgen mit Ciccone und Technikern des italienischen Verbands, um die Funktionsweise der Zielfoto-Anlage zu erläutern. Zeitmesssysteme im Radsport zeichnen mehrere tausend vertikale Scans pro Sekunde entlang der Eintrittskante des Streifens auf, statt ein herkömmliches zweidimensionales Foto zu erstellen. Nach UCI-Artikel 1.2.101 ist ein Zieleinlauf erreicht, wenn der Vorderreifen die vertikale Ebene berührt, die von der Vorderkante der Ziellinie ausgeht; das Zielfoto-Urteil gilt als endgültig. Hätten die Kommissäre den Zieleinlauf als untrennbaren zeitgleichen Einlauf eingestuft, hätten die Regeln einen Wiederholungssprint über 1.000 Meter zwischen den beiden Fahrern vorgeschrieben, um den Titel zu entscheiden.

Zeitlicher Ablauf des EM-Sprintstreits
  1. Remco Evenepoel gewinnt das EM-Straßenrennen in Šenčur mit 0,0028 Sekunden Vorsprung vor Giulio Ciccone
  2. Rennkommissäre und technisches Personal treffen sich mit Ciccone, um die Zielfoto-Analyse zu erläutern
  3. Ciccone veröffentlicht eine Erklärung, in der er Einsicht in das Zielfoto an der tatsächlichen Ziellinie verlangt

Einordnung des EM-Ergebnisses

Die Goldmedaille in Šenčur vervollständigte eine Reihe internationaler Erfolge für Evenepoel und reihte sich neben seinem Olympiasieg im Straßenrennen 2024 und seinen WM-Titeln im Einzelzeitfahren ein. Für Ciccone, der für Lidl-Trek fährt, äußerte das italienische Team unmittelbar nach dem Rennen Bedenken, bevor der Fahrer seine eigene Anfrage stellte. Ciccone merkte an, dass die Aushändigung des verifizierten Ausrichtungsbildes die Angelegenheit abschließen würde, doch die Regularien sehen kein Standardverfahren vor, um ein zertifiziertes Zielfoto-Urteil umzukehren.